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Cover: Nele Steinborn

 




Im Leben geht recht viel daneben – schrieb einst ein junger Dichter ein paar toten Heringen auf ihren Grabstein. Aber nicht jeder Fehlschlag hat, wie ein etwas älterer Dichter dokumentiert, eine Beerdigung zur Folge:


Ich wollte zeigen
in der Kammer,
dass ich sehr gut
mit dem Hammer –
dass ich selber –
tja, und au: schiefgegangen,
Finger blau.

Beides, der Tod und der wehe Finger, ist verbunden mit Schmerz, einer höchst komplexen Empfindung, die in vielen Spielarten auftreten kann. Für einige von ihnen sind Kinder geradezu prädestiniert, in manchen sind Jugendliche Profis. Nur wenige sind Erwachsenen vorbehalten, die ihrerseits schmerzgeplagten Kindern immer noch gern das „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ entgegenhalten. Dabei müssten sie wissen, dass das scheinbar held1enhafte Ertragen von Schmerz, das sich durch die Abwesenheit von Tränen und das Zusammenbeißen der Zähne ausdrückt, so wenig sinnvoll ist wie eine schmerzhafte Strafe (etwa die „gesunde Watschen“) einer Besserung dient. Man soll niemandem absichtlich Schmerz zufügen – und man muss sich mit dem Schmerz auseinandersetzen.
Das haben wir getan. Den Anfang setzt Michael Roher auf der 1002. Seite. Der junge österreichische Künstler hat 2009 den DIXI-Kinderliteraturpreis in der Kategorie Illustration gewonnen, heuer im Frühjahr sind seine ersten beiden Bücher erschienen . SeinBeitrag ist auch zum Lachen, alle anderen Beiträge im Heft tun nur weh: Sie erzählen vom Umgang literarischer Figuren mit Schmerzen, die ihnen zugefügt werden, die sie anderen oder aber auch sich selbst zufügen. Sie berichten über alte Wunden, die in Form von Narben bis in die Gegenwart wirksam sind, von unangenehmen Krankheiten, von Mord und Totschlag, von der Unmöglichkeit eines Trostes angesichts des bevorstehenden eigenen Todes. Über all das erzählt die Kinder- und Jugendliteratur in unterschiedlichen Formen.

Darüber hinaus haben wir uns mit zwei Künstlerinnen näher auseinandergesetzt, in deren Arbeit Schmerz eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Die aus Niederösterreich stammende und in Berlin lebende Illustratorin Ulli Lust hat mit ihrer umfangreichen Graphic Novel „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ nicht nur in der Comic-Szene, sondern auch im literarischen Feuilleton für Aufregung gesorgt. Der autobiografische Comic-Roman über zwei 17-jährige Mädchen, die in den 80er Jahren genug haben vom verspießerten Wien und nach Italien trampen, beginnt als harmloses Abenteuer und endet im Milieu der sizilianischen Mafia. Mit Ulli Lust haben wir über ihre Arbeit gesprochen.
„Ich bin die Hüterin des Rechts“ – mit diesem Zitat aus ihrem Debütroman ist das Porträt Beate Teresa Hanikas überschrieben. Ihr Buch „Rotkäppchen muss weinen“ , eine vielschichtige Bestandsaufnahme des Schmerzes, erzählt über ein Mädchen, das von ihrem Großvater missbraucht wird. Für das Manuskript wurde Hanika mit dem Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet, jetzt ist das Buch für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2010 nominiert, im Herbst folgt der zweite Roman der jungen deutschen Autorin.
Angesichts des Themas, dem wir in dieser Ausgabe so viel Raum geben, höre ich schon mancheN LeserIn rufen: Muss das denn sein? Müssen die jungen LeserInnen mit all dem Schlechten und Bösen konfrontiert werden, muss die KJL so viel Qual und Kummer beschreiben? Meine Antwort: Ja, das muss sein. Denn So ist das Leben, wie schon der Tod in Erlbruchs wunderbarem Buch „Ente Tod und Tulpe“ melancholisch resümiert. Der Schmerz ist da, also muss über ihn erzählt werden. Dass es anderen Lesestoff auch gibt, unterhaltsamen, lustigen und auf eine harmlose Art spannenden, das beweisen nicht zuletzt die über 70 Besprechungen, die Sie in dieser Ausgabe von 1000 und 1 Buch ebenso finden wie das Plakat und eine kleine Berichterstattung zum Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2010 . Er wurde Anfang Mai vergeben, wir gratulieren allen PreisträgerInnen sehr herzlich!
Am Ende bleibt mir noch, die Geschichte vom Jungen mit dem Hammer fertig zu erzählen:

Aber dann sind sie gekommen
haben mich in den Arm genommen
sagten leise: Lieber Schatz …
Weil ich mit dem Schlag
auf mich hingewiesen hab?

Dieses schöne Schmerz-Gedicht stammt von Edward van de Vendel aus seiner Gedichtsammlung „Superguppy“ (Boje) – und ist ein sehr passender Abschluss, weil zugleich Hinweis auf die nächste Ausgabe von 1000 und 1 Buch: Sie wird Ende August erscheinen und Lyrik wird im Mitelpunkt stehen!

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(Euro 7,- plus Versandkosten)


Anzeigen-kunden dieser Ausgabe:

Boje Verlag

Schnäddi und Höppi

Beltz & Gelberg

Bundes-akademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel

Fremde Welten

 

 
   
1002. Seite von Michael Roher
Vorlaut
Heidi Lexe: Getrennt – Vereint. Figuren, die einander Schmerz zufügen
Kathrin Wexberg: Tut es weh?
Sigrid Binnenstein: Eingeritzte Sehnsucht. Selbstverletzendes Verhalten zwischen Autonomie und Bindung
"Ich bin die Hüterin des Rechts" – Beate Teresa Hanika im Gespräch mit Christine Knödler
Heinke Ubben: Gezeichnet. Auf literarischer Spurensuche nach Narben
Christina Ulm: Erzähl mir vom Tod. Narrative Tröstung im Angesicht des Sterbens
Joachim Schätz: Leichenschau. Über den toten Körper im aktuellen Krimi-Fernsehen
Ich finde Geschichten lieber, als sie zu erfinden. Ulli Lust im Gespräch mit Franz Lettner

Helmuth Kronthaler: Superhelden kennen keinen Schmerz. Macht und Ohnmacht, Schuld und Sühne in US-amerikanischen Comic Books

Marlene Zöhrer: Kinder, Kinder …
Von der Flüchtigkeit des Seins. Verena Ballhaus in einem Porträt von Silke Rabus

 

Zeitlos: Paulus Hochgatterer über Mark Twains "Tom Sawyer und Huckleberry Finn"
Freislos: Freistoß
   
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