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Alle Farben ROT
Rot ist die Farbe,
mit der ich mich am meisten beschäftigt habe in meinem Künstlerdasein. An eine Farbe musst du dich herantasten. Du lernst sie erst kennen und sie gewinnt erst an Bedeutung durch die Mischung mit anderen Farben. (Helga Bansch)
Der rote Faden
"Das wird ein bisschen kompliziert … / Der Faden hat sich / schlimm verirrt." (Aus: "Fadenwirrwarr" von Mareike Postel & Ann Cathrin Raab, Kunstanstifter Verlag)
"Ich möchte auch ein rosafarbenes Kleid tragen!"
ruft der Bär aufgeregt. (Aus: Und der Bär ruft laut hurra: Farben sind für alle da! von Lucy Astner & Pina Gertenbach, Baumhaus/Bastei Lübbe)
"Unsere roten Haare sind nämlich ganz besondere Haare."
(Aus: Die feuerrote Friederike von Christine Nöstlinger, Fischer Sauerländer)
Wie wäre wohl alles gekommen, wenn Männer menstruieren würden?
(Aus: Rot ist doch schön von Lucia Zamolo, bohem press)
Es gibt hier nur ein liebes kleines Mädchen mit einem hundsmiserablen Modegeschmack.
(Aus: Die Katze, der Hund, Rotkäppchen, die explodierenden Eier, der Wolf und Omas Kleiderschrank von Diane und Christyan Fox, Verlag Freies Geistesleben)
Also, mit süß bin ich durch
(aus: Hände weg von unserem Wald von Nora Dåsnes, Klett Kinderbuch)
Inhalt
Die 1002. Seite
Helga Bansch
ist Franz Lettner
Viel mehr als ROT
Hildegard Gärtner über die Illustratorin und Künstlerin Helga Bansch
Faser, Faden, Schwungseil
Andrea Kromoser über den roten Faden in Bilderbüchern
… ein rosafarbenes Kleid …
Nane Pleger macht sich Gedanken über das kleine Rot
rod is a rod is a rod is a rod – denk mal gedichte!
Michael Hammerschmid
Wunderbare Haare
Simone Kremsberger über Anne, Pippi, Friederike und ihre Bande
Vom Mut zu roten Flecken
Manuela Kalbermatten
Heidi Lexe über die Transformationen einer märchenhaften Kopfbedeckung
ROT sehen
Christina Pfeiffer-Ulm
Drachenfeuer
Sonja Loidl
David Almond
ist zeitlos
"Was eine Kiefer ist" von Florian Weiß & Lucia Jay von Seldeneck
wurde in der grund_schule der künste gelesen
Philosophie der Liebe
Christine Lötscher in ihrer Kolumne "Enemies to Friends"
Zur Sache 15: »R« wie ratlos?
Marlene Zöhrer über Ratgeber
Liebe Leserinnen und Leser,
was fällt Ihnen schnell ein, wenn ich ROT sage? Blut, Rosen, politische Parteien, italienische Sportwagen? Dass mir jene Schubkarre in den Sinn kommt, von der William Carlos Williams 1923 behauptete, dass so viel von ihr abhänge ("So much depends / Upon // A red wheel / Barrow // Glazed with rain / Water // Besides the white / Chickens") ist vermutlich eine Déformation professionnelle …
Nach Schwarz (3|19) und Blau (1|22) steht mit ROT zum dritten Mal eine Farbe im Mittelpunkt einer Ausgabe von 1001 Buch. Dass sie mit Helga Bansch beginnen soll, war schnell klar. 2003 habe ich die Künstlerin, die damals gerade ihre ersten drei Bücher publiziert hatte, gefragt, was es mit ihrer Vorliebe für die Farbe Rot auf sich habe. "Es ist mir ein Bedürfnis, momentan", hat sie geantwortet. Mehr als 20 Jahre, 60 Bücher und viele Auszeichnungen später – zuletzt 2024 der Österreichische Kunstpreis für Kinder- und Jugendliteratur – gehört Rot immer noch zu den Bedürfnissen von Helga Bansch, wie nicht nur die 1002. Seite beweist. Aber da ist natürlich viel mehr. Davon erzählt Hildegard Gärtner in ihrem Porträt der Künstlerin – für die sie als Geschäftsführerin des Jungbrunnen Verlags bis 2022 erste und wichtigste Verlegerin war.
Danach nimmt Andrea Kromoser den sprichwörtlichen roten Faden auf und folgt ihm in Bilderbüchern, durch die er sich wortwörtlich zieht. Von verlorenen und verwobenen Fäden ist die Rede, am Ende schwingen sich zwei Kinder an einem roten Lesebändchen ins Abenteuer. Da hänge ich mich dran – und lande bei den "wilden Fußballkerlen". Für die ist nicht nur die rote Karte ein Fluch, auch sonst ist das nicht die Farbe ihrer Wahl – sie tragen alle Schwarz. Das einzige Mädchen der Mannschaft bekommt zum Einstand ein Paar rosa Pumps. Ob die Fußballkerle es auch witzig finden, dass die deutsche Fußballnationalmannschaft der Männer seit dem Frühjahr 2024 auswärts in Pink aufläuft? Nane Pleger kommt jedenfalls zum eindeutigen Schluss: Farbe ist immer noch gegendert.
"Rostiger de Feierwehr kummt, schiab de Hoar in Orsch" – singt Arik Brauer 1971 auf seinem wohl bekanntesten Album. Ein Jahr vorher schon lässt Christine Nöstlinger einige Deppen einem rothaarigen Mädchen hinterherrufen: "Da kommt die feuerrote Friederike! Feuer! Auf ihrem Kopf brennt’s!" Es war das Debüt einer großen Autorin, die auch später immer wieder "gaunz oaman" Kindern eine Stimme gab. Simone Kremsberger stellt der feuerroten Friederike Pippi Langstrumpf und das Mädchen mit den Schwefelhölzern zur Seite – und fest: Rote Haare markieren in der Kinderliteratur meist einen außergewöhnlichen und unangepassten Charakter.
Als ein pulsierendes Herzstück steht der Beitrag von Manuela Kalbermatten mitten in diesem Heft: Sie sucht – unter Einbeziehung ihrer eigenen Lesebiografie – nach Spuren der Menstruation in der Jugendliteratur. Viel findet sie nicht, aber das wenige ist bemerkenswert.
Aus dem Vollen schöpfen kann Heidi Lexe, wenn sie die Kopfbedeckung einer berühmten Märchenheldin ins Visier nimmt. Und zeigt, dass sich nicht nur verändert hat, was Rotkäppchen auf dem Kopf, sondern auch, was sie im Korb trägt. Ich sage nur: Hackebeilchen. Da kann sich der Wolf warm anziehen. Gegen den Feuersturm eines Drachen hilft aber auch keine noch so dicke Weste, weiß Sonja Loidl und gibt eine Einführung in Drachologie unter besonderer Berücksichtigung von deren Superpower. Drachen kann man reiten, Kämpfe gegen sie kaum gewinnen. Stierkämpfe sind aus anderem Grund heutzutage für viele ein rotes Tuch. Dass es den Tieren egal ist, welche Farbe der Fetzen hat, mit dem sie jemand reizen will, steht auf einem anderen Blatt. Stiere sind farbenblind, wütend werden sie, weil jemand vor ihnen rumhampelt. Sie sehen also nur sprichwörtlich rot. Das sagt man auch über jene Menschen, die schnell und heftig aus der Haut fahren. Christina Pfeiffer-Ulm ist einigen fiktiven "Systemsprengern", wie sie im Extremfall genannt werden, gefolgt. Und stellt fest, dass auch Wut in unterschiedlichen Tönen – von dunkelrot über zartrosa bis neonpink – schimmert.
Michael Hammerschmid dagegen bleibt – bezugnehmend auf eine Zeile aus einem Gedicht von Gertrud Stein –dabei: "a rod is a rod is a rod" übertitelt er seine Kolumne, präsentiert ein Gedicht und denkt über dessen Entstehungsprozess und Bedeutung nach.
Nach so vielen Rottönen färben jene Bücher, die im Rezensionsteil besprochen werden, die kinderliterarische Welt wieder bunt ein. Schauen Sie, welche Titel aus dem Herbst 2024 Sie noch nachlesen oder für die Bibliothek ankaufen sollten. Ich fürchte, Sie werden nicht so viel Budget haben, wie sie brauchen können.
Am Ende fahre ich noch einmal die rote Schubkarre an – sie ist voller Rosen. Eine davon bekommt Silke Rabus, die nach 25 Jahren aus der Redaktion ausgeschieden ist. Mit ihrem Wissen über Illustration und ihrer Leidenschaft für Literatur hat sie das Magazin mitgeprägt. Dass sie uns als Autorin verbunden bleibt, ist ein Trost. Eine weitere Rose ist für Juliane Zach. Vier Jahre hat sie schon erfolgreich dafür gesorgt, dass Bücher von den Verlagen zu uns, dann zu den Rezensent:innen und schließlich Rezensionen ins Heft kommen. Ab der vorliegenden Ausgabe übernimmt sie für die Buchbesprechungsseiten voll und ganz die Verantwortung. Das ist gut. Die restlichen Rosen streue ich Ihnen. Auf dass Sie uns weiterhin gewogen bleiben.
Franz Lettner
Ein Käppchen von rotem Sammet
Heidi Lexe über die Transformationen einer märchenhaften Kopfbedeckung
Von jener "fehlenden individuellen Charakteristik" (Christiane Hänny), die den Märchenfiguren der Brüder Grimm üblicherweise zu eigen ist, wird die Protagonistin im Kinder- und Hausmärchen Nummer 26 farbintensiv abgegrenzt. Bereits zu Beginn des Märchens wird nicht nur auf ihre Körperlichkeit verwiesen, sondern auch auf jenes Outfit, das ihr den titelgebenden Namen verleiht: "Es war einmal eine kleine süße Dirne, die hatte jedermann lieb, der sie nur ansah, am allerliebsten aber ihre Großmutter, die wusste gar nicht, was sie alles dem Kinde geben sollte. Einmal schenkte sie ihm ein Käppchen von rotem Sammet, und weil ihm das so wohl stand und es nichts anders mehr tragen wollte, hieß es nur das Rotkäppchen." (Brüder Grimm: Rotkäppchen, KHM 26)
Sieht man davon ab, dass sowohl dem "rothe[n] Sammet" (Brüder Grimm: Rothkäppchen. Version von erster Hand) als auch dem »Rothkäppchen« selbst durch die Orthografische Konferenz des Jahres 1901 ein h verloren ging, hat sich dieser Märchenanfang von der Erstversion aus dem Jahr 1812 bis hin zu der bis heute gängigen Version von letzter Hand aus dem Jahr 1857 nicht verändert. Damit wird die übliche "Flächenhaftigkeit" (Christiane Hänny) der Märchenfiguren sowohl durch den Verweis auf das liebliche Erscheinungsbild der Figur, als auch durch das markante Kleidungsstück unterlaufen; das in der popkulturellen Rezeptionsgeschichte meist vom Käppchen zum Cape wird. Wäre man also eine belesene Katze und würde einem popkulturell bewanderten Hund über das Märchen erzählen, würde das wie folgt klingen:
"Das ist eine Geschichte über ein kleines Mädchen, das immer einen Umhang mit einer Kapuze trägt."
"COOL! Ich liebe Geschichten über Superhelden. Was für Superkräfte hat sie?"
S"ie hat keine Superkräfte. So eine Geschichte ist das nicht."
(Diane und Christyan Fox: Die Katze, der Hund, Rotkäppchen, die explodierenden Eier, der Wolf und Omas Kleiderschrank. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben 2016)
Und ja, es gibt in dieser Geschichte einen Wolf, aber es handelt sich weder um einen "Superbösewicht" (Ebda.), noch soll er mit einem "LASER DER LIEBENSWÜRDIGKEIT"(Ebda.) (moralisch) neutralisiert werden. Und ja, es gibt auch einen Korb mit Kuchen und dennoch handelt es sich um keinen "Schleuderkorb" (Ebda.). So wie überhaupt wenig Superman-Action in diesem Rotkäppchen steckt.
"Es gibt hier nur ein liebes kleines Mädchen mit einem hundsmiserablen Modegeschmack." (Ebda.)
Der pointenreiche Dialog, den Diane und Christyan Fox in ihrem Bilderbuch »Die Katze, der Hund, Rotkäppchen, die explodierenden Eier, der Wolf und Omas Kleiderschrank« comichaft in Bild und Text inszenieren, zeigt im metafiktionalen Spiel mit der Märchenvorlage sehr deutlich, wie sehr der ursprüngliche Märchentext mittlerweile von Neuerzählungen und intermedialen Transformationen überlagert wird. Denn die holzschnittartige Figurenzeichnung der schmucklos und einsträngig erzählten Märchen der Brüder Grimm eigenen sich ideal, um literarisch neu verortet zu werden, um Figuren Biografien, Charakter und Styling zu verleihen, um die kargen Handlungsstränge anzureichern und Gattungshybride zu kreieren – im Fall von "Rotkäppchen" von der Future Fiction bis zum Krimi.
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Aktuelle Neuerscheinungen
Folgende Titel werden in dieser Ausgabe von 1001 Buch besprochen:
Agrawal & Choi: Sieben kleine Erfindungen, die die Welt verändert haben
Alaska: Haibär Hicks
Almond: Ein Lied für Ella Grey
Barnett & Harris: Ein Eisbär im Schnee
Bayer: Schrecklich geheime Geisterbahn-Geheimnisse
Blomeyer und Vierer: Der Kofferfisch
Budde: Die Band, die keiner kennt
Carroll & Child: Das Mädchen mit den Schwefelhölzern schlägt zurück
Clausen: Leming
Curtis: Die Watsons fahren nach Birmingham – 1963
Dammers: Bilderbuchperipherien
Dautremer: Eine wunderbare Sache
de Weck: Mamapapa & ich / Papamama & ich
Engel: Pages UnWritten
Fosse & Blau: Schwester
Franklin: The Wilderness of Girls
Gravel: Angriff der Killerunterhosen
Heidelbach & Könnecke: Gutenachtgeschichten für Celeste
Herden: Korianderkuss
Herrero & Demano: Alle Menschen haben Rechte
Herrmann: Pinke Monster
Holmes & Vrba: Und wenn ich dann ankomme …
Hommer: Das kalte Herz
Houssein & Wald: Die Tasche
Jarvis: Bär und Pieps
Jeffers: Der Weg nach Hause
Klement & Teich: Von Rotze bis Kotze
Knösel: Behalt dein Herz
Konrad: Holly, Herbert und die Fleischfresserpflanze
Kramer: 17 Erkenntnisse über Leander Blum
Küntzel & Schulze Frenking: Unser größter Schatz: Der Boden
Lemire & Bregnhøi: Mira #sommer #klassenfahrt #herzklopfen
Ludwig: Demokratie
Lundberg: Der Vogel in mir fliegt, wohin er will
Lundberg: Niemand außer mir
Mariño & Pulido: Tiere und ihre Superkräfte
McGregor: Wer hat Angst vor dem Licht?
Mehnert & Lieb: Unterirdische Wunderwelten
Mikota u.a.: Lesen für die Umwelt
Moeyaert & Van Doninck: Morris
Monloubou: Olga und der Ruf des Waldes
Moroni: Tine und Tupf erleben ein Winterabenteuer
Morosinotto: Sohn des Meeres
Mossbauer, Schellhaas & Drobova: Immer wenn wir ...
user: Das ist nicht lustig!
Noggler-Gürtler & Cerny: Für Schnee einmal schütteln
Ohmura: Alles klar, ruft der Bagger
Orths: Crazy Family
Padda: Und dazwischen [irgendwo] wir
Palazzesi: Feder und Kralle
Pearson: Hilda und Hörnchen
Piuk & Palacio: Schneewittchen pfeift auf Prinzessin
Rassmus: Verwickelte Geschichten
Raubaum & Seifert: Ich hab da was für dich
Rinck & van der Linden: Bob Popcorn
Roth: Pankoland
Sanchez: Tunnel
Sánchez Vegara: Little People, Big Dreams. Die große (Hörspiel)Box
Santos de Lima: Warum willst du jetzt schon gehen?
Schaberl & Frau Isa: Als meine Oma beschloss zu vergessen
Schnell & von Sperber: Der Knall aus dem All
Schössow: Oma verbuddeln
Sénéchal & Okada: Was ich dir noch sagen möchte
Sonneson: Wie man einen Bammel auf Hosentaschengröße schrumpft
Stanišić, Stanišić & Spitzer: Hey, hey, hey, Taxi! 2
Stridsberg & Lundberg: Tauchsommer
Tapprich: Tigerträume
Tolman: Igallus
van der Veken: Das Raumfahrtbuch
Voisard: Natur auf dem Teller
Weiß & von Seldeneck: Was eine Kiefer ist
Wickert et alii: Wir haben die Macht
Wirbeleit & Lehmann: Ich und Tod Detektei
Würbs: Der Bär liebt Gänse und der Fuchs auch
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