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Im Ring
Es geht gleich los!
Verena Hochleitner baut den Ring auf.
Mist und Müll und Dreck sind Themen, mit denen wir uns im echten Leben nicht gerne beschäftigen. Naturwissenschaftlich betrachtet sind sie aber weitgehend neutral und sogar Hundediarrhö ist letztlich nur eine Vorstufe von nährstoffreichem Humus.
Christina Pfeiffer-Ulm kämpft mit ekligen Sachen und hält sich dabei nicht die Nase zu.
Nächster sein
Juliane Zach macht Besuche bei Menschen, die mit einer Krankheit kämpfen.
"Wir sind Verliebte oder nicht. Häuptlinge oder keine Häuptlinge, wir sind Köche oder Ferienbetreuer oder summen gern. Wir sind Wolf oder kein Wolf."
Saša Stanišić schickt schickt einen Jungen auf einen Ausflug in den Wald. "Das wird heftig."
"Sie speisen und generieren sich aus geklauten Illustrationen. Die Programme durchkämmen das Netz nach all unseren Zeichnungen und lernen daraus, werden immer besser und wir als Urheber:innen werden nicht entlohnt. Es ist Diebstahl!"
Moni Port über KI-generierte Illustrationen
"Du magst dich vor dem Dunkel fürchten, aber das Dunkel fürchtet sich nicht vor dir."
Lemony Snicket und Jon Klassen wollen niemandem Angst machen.
schreiben und ringen, ja das kenne ich.
Michael Hammerschmid
"Strike first, strike hard, no mercy"
lautet die Maxime des grimmigen Trainers im Dojo Cobra Kai
Inhalt
Die 1002. Seite
Verena Hochleitner
ist Franz Lettner
Gang Life
Dariya Manova über die Jugendbande
Christina Pfeiffer-Ulm über Unangenehmes im Sachbuch
Gebrochenes Rück-Rad
Juliane Zach über Krankheit und Heilung
Wölfe sehen. Walter treffen. Weggehen
Jana Sommeregger über Mobbing
Beste Schurk:innen
"Es geht doch auch um den schöpferischen Prozess als solchen"
Moni Port im Gespräch mit Susanna Wengeler
Du, Dunkelheit
Franz Lettner über die Angst vor dem Dunkel
Bad Ass Balance
Simone Kremsberger über Karate Kid
Stilles Durcheinander?!
Andrea Kromoser über Momente des Innehaltens in der Dramaturgie des Streits
denk mal gedichte: schreiben und ringen
Michael Hammerschmid
High Noon in der Arena
Das Spiel der Farben
Silke Rabus
"Wenn Gedanken fliegen. Gedichte zum Staunen, Wundern und Träumen"
hg. von Sandra Niebuhr & Jana Mikota, ill. von Sonja Stangl ist zeitlos
"Schaut, ein Elefant!" von Jakub Plachý
wurde in der grund_schule der künste gelesen
Enemies to Friends: Feuer, Eis und Coming of Age/h6>
Eine Kolumne von Christine Lötscher
Liebe Leserinnen und Leser,
"Boxen ist nur bedingt literaturfähig" hat der Autor Michael Lentz gesagt*. Um dann an eine Szene im Film "When We Were Kings" (der den Boxkampf zwischen George Foreman und Muhammad Ali im Jahr 1974 in Kinshasa dokumentiert) zu erinnern: Darin wird erzählt, dass Muhammad Ali während eines Vortrags vor Harvard-Studierenden auf die Aufforderung "Give us a Poem" nach kurzem Überlegen sagte: "Me / We". Vielleicht hat das Will Gmehling auf die Idee gebracht, Alf Bukowski in "Nächste Runde" nicht nur ins Boxstudio zu schicken, sondern ihm auch ein Gedicht zuzuschreiben. Wie Mauser, der boxende Teil von Nils Mohls Held aus"»Es war einmal Indianerland", hat Alf es ja nicht so mit Worten. Auch nicht mit Fäusten, eigentlich. Aber beide sind Kämpfer, ausdauernd, diszipliniert, konzentriert. Für sie gilt: Aufgegeben wird erst, wenn "du am Boden liegst, wenn der Ringrichter dich auszählt und dein Trainer das Handtuch wirft"*. Es sind nicht diese beiden Figuren, die für Thema und Cover verantwortlich sind, auch nicht Ulrich Hubs boxendes Känguru namens Django. Der eigentliche Grund manifestiert sich auf den Rezensionsseiten: In einem erheblichen Teil der Bücher für junge Leser:innen steigen Figuren mit unterschiedlichsten Gegnern in den sprichwörtlichen Ring. Um nur ein paar aufzuzählen: ein junger Löwe mit einer Gazelle, ein Stotterer mit seinem gestörten Redefluss, eine junge Schornsteinfegerin nicht nur mit den Kollegen aus ihrer Gilde, eine alleinerziehende Mutter mit den Anforderungen ihres Alltags, ein Vater mit seiner Spielsucht, Kinder mit ihrer Wut oder ihrer Angst, ein Ork mit Elfen … – Boxen mag in der Kinderliteratur kaum eine Rolle spielen, Kämpfe werden darin zuhauf ausgefochten. Einige bekommen im Folgenden eine Bühne. Auf die Fragen der Schaulustigen in Verena Hochleitners 1002. Seite kann ich also antworten: Sicher gibt es etwas zu sehen, es geht auch gleich los und: Ja, es ist Kunst.
Den Anfang machen Kinder und Jugendliche, die gemeinsam antreten. Seit dem frühen 20. Jahrhundert wird davon auch erzählt: Was mit "Kai in der Kiste" begonnen hat, funktioniert in unterschiedlichen Erzählanordnungen bis in die Gegenwart, wie Dariya Manova zeigt. Auch der Kampf gegen Rotze, Kotze, Müll und Dreck wird schon lange geführt, auch kinderliterarisch. Die Frage ist: Wie lässt sich Sachwissen zu diesen Themen ohne Zeigefinger und so vermitteln, dass Leser:innen nicht WÄH sagen? Christina Pfeiffer-Ulm hat begeistert und ganz ohne Handschuhe, wie mir vorkommt, Ekelfaktor-Punkte vergeben.
Krankheiten sind für Kinder oft unbegreifliche Gegner: unsichtbar, unberechenbar. Juliane Zach hat den unerschrockenen Henry ins Bilderbuch-Krankenhaus begleitet und dabei auch andere literarische Figuren besucht, die selbst oder deren Angehörige krank sind. Sie berichtet: Kinderbücher sind für Trost und Heilung zuständig.
Wird man gemobbt, ist zwar der Gegner sichtbar, aber viele andere schauen weg. Jana Sommeregger hat sich die Erzählstrategien dreier aktueller Bücher zum Thema genauer angesehen, einige weitere sind rezensiert. Beim Mobben geht es darum, eine Person auszugrenzen und abzuwerten. Streiten ist eine ganz andere Sache – und sie muss gelernt werden. Kein Wunder also, dass es so viele Bilderbücher dazu und darüber gibt. Was Andrea Kromoser bei der Lektüre einiger besonderer Exemplare gelernt hat: Der schönste Moment beim Streiten ist der, an dem es plötzlich still ist. Spannung und Harmonie – beides braucht es, auch beim Erzählen in Bildern. Silke Rabus präsentiert Ihnen ein Spiel der Farben, das so ausgewogen ist, dass Sie danach bereit sind für einen Ausflug in die Dunkelheit. Für viele Menschen, besonders Kinder, ist sie ein Angstgegner. Man muss mit ihr ringen – oder sich mit ihr befreunden. Dass es beim Schreiben übrigens oft nicht viel anders ist, erzählt Michael Hammerschmid in seiner Kolumne.
Einen letzten großen Gegner bringt die Illustratorin, Grafikerin und Autorin Moni Port ins Spiel. Susanna Wengeler hat mit ihr über das Thema KI gesprochen. KI-gestützte Systeme und Programme spielen in der Buch- wie in vielen anderen Branchen schon eine erhebliche Rolle. Wie sie den Arbeitsbereich Buch- und Bildgestaltung oder Illustration verändern werden, ist offen. Dass Moni Port KI-generierte Illustrationen ablehnt, bringt sie deutlich zum Ausdruck: "Sie speisen und generieren sich aus geklauten Illustrationen", sagt sie. Mit diesem Gegner werden in den nächsten Jahren jedenfalls noch Kämpfe ausgetragen – wünschen wir uns einen guten Ringrichter.
Den hat Muhammad Ali 2003 auf der Frankfurter Buchmesse nicht gebraucht. Wo er nicht wegen seines Kurzgedichts war, sondern um das 800 Seiten umfassende, 55 × 66 cm große und 34 kg schwere Buch "Greatest of all time. A tribute to Muhammad Ali" zu promoten. Gezeichnet von der Parkinson-Krankheit betrat der Boxer und Bürgerrechtsaktivist den für dieses Ereignis gebauten Boxring. Und – wie der Journalist Bernd Berke es beschrieb – für Sekunden fühlte man sich inmitten der geschäftigen Masse an Messe-Menschen plötzlich näher am Herzen der Dinge.* Wenn Sie jetzt meinen, diese Ausgabe von 1001 Buch stünde nur deshalb unter dem Motto "Im Ring", damit ich damit angeben kann, damals in Frankfurt dabei gewesen zu sein, liegen Sie falsch. (Aber ich habe schon lange auf eine Gelegenheit gewartet). Kommen Sie gut über die Runden und bleiben Sie uns gewogen.
Franz Lettner
* Martin Krauss: Faustkampf, feinsinnig. Boxen und Literatur. In: taz 4.10.2007 | Will Gmehling: Nächste Runde. Peter Hammer Verlag 2020 | Bernd Berke: Boxlegende Muhammad Ali – mythische Momente auf der Frankfurter Buchmesse 2003. In: www.revierpassagen.de
WÄH!
Christina Pfeiffer-Ulm über Unangenehmes im Sachbuch
"Wärst du lieber allein im Wald mit einem Mann oder einem Bären?" Lautete eine Frage, die Frauen erstmals 2024 auf TikTok gestellt und zu einem viralen Gedankenexperiment wurde. 7 von 8 Frauen wählten im Ursprungsvideo den Bären und lösten damit eine Debatte über Risikowahrnehmung im Kontext von Geschlechterverhältnissen aus. Würde man diese Frage Kindern stellen, sehe die Antwortstatistik aufgrund fehlender Welterfahrung natürlich anders aus. Da ist die Grizzlybedrohung höchst relevant, genauso wie das Bermudadreieck oder Treibsand – zwei Lieblingsgefahren meiner Generation.
Eine solche Frage ist natürlich zugespitzt. Genauso wie die vielen Kindersachbuchtitel, die dem Bedarf an Grausen geschuldet sind: "Die 100 tödlichsten/ekligsten/furchterregendsten Dinge der Welt" (ArsEdition), "Bissig, giftig, tödlich!" (circon), "Naturgewalten. Unberechenbar und mächtig" (Tessloff). Wie auch in der Prosa nutzt Non-Fiction oft Superlative zur emotionalen Aktivierung und inszeniert den Grizzly als zähnefletschende Bestie, den Hurrikan als bösartiges Monster. Die lebensweltliche Anbindung dieser Gefahren ist im Falle einer westeuropäischen Kindheit kaum gegeben, löst aber dennoch oder gerade durch die Distanz wohligen Schauer aus.
Anstelle einer rahmensprengenden psychologischen Einordnung halten wir nur fest: Risikolose Grenzerfahrung und Staunen über Extreme erfüllen ein (kindliches) Bedürfnis. Nicht warum also, sondern wie domestizieren Kindersachbücher das Fiese? Vor allem jenes, das nicht im tiefen Wald, sondern gleich um die Ecke lauert?
Emotional (Damage). Stichwort Risikobewertung: Die wahrscheinlicheren Feinde des Alltags sind nicht etwa Hurrikan und Grizzly, sondern Karies und Schimmel. Diesen grauslichen Kleinwesen spektakuläre Fakten zu entlocken ist die eigentliche Kindersachbuchkunst. Aus den Ungustln sogar Sympathieträger zu machen, schafft eine Buchreihe im Tyrolia-Verlag. Durch unerhörte psychologische Tricks!
Mit der sanften "Gerda Gelse" von Heidi Trpak und Laura Momo Aufderhaar fängt es an: Ihr launiges Selbstporträt lässt uns die Mücke lieben und sogar einen Infotext über Malaria schnell vergessen. "Ich bemühe mich, euch ganz fein zu stechen, damit ihr es nicht merkt. Das juckt euch trotzdem? Das tut mir aber leid." Na, wenn das nicht Gaslightning ist?
Es folgt Leonora Leitls "Susi Schimmel" und entwaffnender Pragmatismus: "Haben wir mit unserer Arbeit begonnen, habt ihr leider Pech gehabt. Eure Lebensmittel könnt ihr dann nicht mehr essen. Dafür haben sie besonders schöne Farben."
"Klarissa von und zu Karies" von Martina Fuchs und Agnes Ofner versteckt sich hinter noblem Adel: "Ich hingegen denke gar nicht daran, etwas für euch zu tun. Vielmehr lasse ich mich von euch bedienen und bewirten. Denn ich speise für mein Leben gern."
Schnupfen "Willi Virus" von Heidi Trpak und Leonora Leitl wagt sogar victim blaiming: "Ihr seid wirklich sehr unhöflich zu uns. Denn kaum, dass ich es mir mit meinen Kindern so richtig gemütlich gemacht habe, wollt ihr uns schon wieder loswerden."
Und Lena Raubaums und Laura Momo Aufderhaars "Luki Laus" taktiert mit amikaler Flapsigkeit: "Euer Blut tut uns so gut. Echt jetzt: Wollen fix nix anderes. […] Blöd ist nur: Schmatzen heißt Kratzen."/p>
Die jeweiligen Künstlerinnen machen aus winzigen Nervensägen charmante Ich-Erzähler:innen und nutzen Emotion und Empathie als Strategien der Wissensvermittlung. Durch die Verschiebung der Perspektive können faktische Antagonisten anders bewertet werden, vor allem wenn sie wie Willi Virus während der Ansteckung durch Nasebohren noch reizend lächeln.
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Den ganzen Beitrag können Sie in 1001 Buch 1|26 lesen. Als Abonnent*in auch online direkt hier auf dieser Website
Aktuelle Neuerscheinungen
Folgende Titel werden in dieser Ausgabe von 1001 Buch besprochen:
Aladjidi & Tchoukriel: Steinpilz, Trüffel, Pfifferling
Alméras: Josephine und Josephine. Formen und Farben
Bach: Jakob und Jelena
Balen: Foxlight
Barnett & Smith: Ein Fest für den Weihnachtsmann
Bassermann-Jordan u.a. (Hg.): Jella Lepman: Journalistin, Autorin, Gründerin der Internationalen Jugendbibliothek. Eine Wiederentdeckung
Cali & Clavelet: Der Club der Schweinchen
Collodi & Dros & Cneut: Pinocchio
Dabos: Die Spur der Vertrauten
Delaunay: Wale
Dybvik: Schlange stehen
Flix: Immerland
Furniss: The Things We Leave Behind
Gmehling & Damm: Ganz am Anfang war der Ball
Goedelt: Tierisch berühmt
Grossi: Die große Verdrängung
Gusella: Schnupperbunt
Guo: Ist okay
Harvey-Smith & Ryan: Quanten, Quarks und Relativität
Hein: Fake
Helfer & Runge: Rosie auf der Insel
Hunt: Wie man einen Yeti findet
IJB: Der Kinder Kalender 2026
Islington: The Will of the Many
Jäger: Das Feuer vergessen wir nicht
Janisch & Roher: Das Buch der Anfänge
Janisch & Wolfsgruber: Ich freue mich furchtbar sehr
Johnson: Es war einmal ein Schneesturm
Kirby: Lottie Brooks (Band 1–4)
Kling: Der Tag, an dem Max dreimal ins Auto gekotzt hat
Krügel: Inseltage mit Rosa
Kowalski & Composto: Alles über mein Herz
Laibl & Schwalbe: Na Zoowas!
Le Goff: Grrrizzly
Leitl: Wir sind ja nicht aus Zucker!
Malina: Selma, du machst das falsch!
Matsumoto: Tokyo dieser Tage (Band 1 und 2)
Mischitz: Pilze für Ahnungslose
Mizielińscy: Carp City
Mohl: Die Insel der Schlasocks
Mühle: Das war doch keine Absicht!
Nielsen: Das falsche Leben
Oh: Das Mädchen aus der schwebenden Welt
Paterson & Deng: Jella Lepman und ihre Bibliothek der Träume
Raubaum & Pavoni: Schlich ein Puma in den Tag
Raubaum & Schlager: Komm, ich trag dich ein Stück, sagte die Schildkröte
Reifenberg & Maleek: Aristide Ledoux
Roeder: Frag Philomena Freud. Die Perlenspinne
Rundberg: Mika Mysteries. Der Ruf des Nachtraben
Schultz: Mauerpogo
Song: The Night Ends With Fire
Stegeman & Janssen: Schlauer, als du denkst
Stein & Grobler: Der Leuchtturmbär
Strid: Der fantastische Bus
Squilloni & Letelier: Das beste Tier der Welt
Sullivan: The Bitter Side of Sweet
Valentine: Zwei Seiten eines Augenblicks
Wahl: Hexe Hazel – Ein Jahr im Wald
Welsh: Ich fall mir selbst ins Wort
Zipfel & Flygenring: Leben, Sterben und Kaninchen
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